Medizinethik: Interkulturelle Kommunikation und Interaktion zwischen Arzt und Patient; Soziale Repräsentation, Sprache (Fachsprache) und Verstehen
Interkulturelle Kommunikation und Interaktion im Krankenhaus
"Der Alltag im Krankenhaus wird zunehmend 'internationaler' - sowohl Patienten als auch Pflegepersonal kommen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Sie bringen andere, für uns zunächst fremde Lebensgewohnheiten, Wertvorstellungen und damit auch andere Erwartungen an die Krankenpflege in den Pflegeprozess ein.
Kranksein in einem fremden Kulturkreis - das bedeutet ein Ausgeliefertsein an fremde Bezugspersonen, fremde Behandlungsformen und fremde Medizin. Fremdheit mobilisiert häufig Angst und Hilflosigkeit bei den betroffenen Patienten, aber auch bei den jeweiligen Pflegepersonen, die mit fremden Erwartungen konfrontiert werden. Diese Faktoren beeinflussen Heilungsprozesse oft in negativer Weise, wirken ihnen vielfach sogar entgegen. Für pflegende Personen entsteht dadurch ein Informations-, Reflexions- und Handlungsbedarf. Hier möchte ich mit meinem Lehrtext ansetzen: Sie werden zahlreiche Informationen finden, Gelegenheit zur Reflexion erhalten und Wege zur Erweiterung Ihrer Handlungskompetenzen kennenlernen."
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"Das Erlernen von Fremdsprachen und die Aneignung von Informationen über kulturelle Hintergründe anderer Länder, die - aus unserer Sicht - zu fremdartigen Verhaltensweisen und Erwartungen führen, sind sicherlich eine wichtige Voraussetzung dafür, Fremdes vertrauter werden zu lassen. Andererseits gibt es kein 'Rezeptwissen' über Kulturen, denn Kulturen sind immer von vielen, zum Teil unterschiedlichen Werten geprägt und verändern sich über Zeit und Raum. Daher wird es zunehmend notwendig, kulturelle Werte und Normen in der Begegnung mit Fremden selbst zu "erforschen"."[Prof. Dr. Petra Scheibler, Universität Oldenburg]
Medizinische Probleme bei Flüchtlingen
"Obwohl die Ernsthaftigkeit eines Asylantrags bei vielen Bewerbern in Frage gestellt wurde, kann nicht abgestritten werden, daß die meisten Asylbewerber aus Regionen kommen, in denen Krieg, extreme Entbehrungen und Verletzung der Menschenrechte an der Tagesordnung sind. Zur Exposition gegenüber Traumen und über deren psychosoziale Folgen sind nur wenige Informationen verfügbar. Es wird aber geschätzt, daß zwischen 5% und 35% der Flüchtlinge, die in die westlichen Ländern kommen, zuvor gefoltert wurden, und die Prävalenz des postraumatischen Stressyndroms variiert entsprechend der beobachteten Flüchtlingspopulation zwischen 10% und 86%."
"Es ist einleuchtend, dass Sprache und Verstehen entscheidend für das Arzt-Patient-Verhältnis sind. Form und Qualität der verbalen Kommunikation bestimmen weitgehend den Ablauf und das Resultat der Arzt-Patienten-Beziehung - so ist einleuchtend, dass ich das hier nicht ausführen muss. Das Problem ist ja auch: Wörter aus zwei Sprachen, die laut Wörterbuch dasselbe bedeuten, sind in Wirklichkeit nicht kongruent."
"Aber nicht nur das: Krankheit ist - auch - ein kulturelles Konstrukt, das im Bedeutungssystem einer Kultur kodiert wird. In unserer Gesellschaft ist die Grundlage hierfür die naturwissenschaftlich orientierte Medizin. Für Menschen anderer Kulturen kann Krankheit eine völlig andere Realität darstellen." [Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amts, Symposium 2002, Gerd-Dieter Burchard, Tropeninstitut Berlin]
Was Europäer über Gesundheit und Krankheit denken
"In Anlehnung an die im französischen Sprachraum entwickelte "Theorie der Sozialen Repräsentationen" wurden in der Studie gesundheits- und krankheitsbezogene Laienvorstellungen in kulturvergleichender Perspektive untersucht. Dabei ging es um Fragen wie: Welche Vorstellungen haben Franzosen, Briten, Spanier und Deutsche von Gesundheit, Krankheit oder einem "guten Arzt"? Inwiefern ähneln oder unterscheiden sich diese Vorstellungen innerhalb Europas?"
"Die empirischen Ergebnisse der europäischen Vergleichsstudie weisen auf eine Vielfalt an europäischen "Mentalitäten" hin. So unterscheiden sich die Vorstellungen der medizinischen Laien zu bestimmten Krankheiten sehr deutlich. Ein Beispiel ist dafür ist die Hypertonie (Bluthochdruck). Besonders unter den deutschen Befragten herrschte die Meinung vor, dass man bei hohem Blutdruck deutliche Symptome wie z.B. rotes Gesicht, geplatzte Adern im Gesicht oder nervöses Verhalten aufweisen müsse. Dagegen gilt Hypertonie heutzutage in medizinischen Fachkreisen im Anfangsstadium als weitgehend symptomlose Erkrankung. Ein derartiges Missverhältnis zwischen Experten- und Laienwissen erschwert nicht nur die Krankheitseinsicht, also den Gang zum Arzt, sondern auch den Behandlungsprozess: Warum sollte man Medikamente nehmen oder das Gesundheitsverhalten ändern, wenn man davon überzeugt ist, dass man nicht erkrankt ist oder keiner Risikogruppe für Schlaganfall oder Herzinfarkt angehört?" [2003, Petra Scheibler-Meissner, Inst. f. Psychologie, Universität Oldenburg]
Jemanden abholen, wo er steht: Aufgaben der medizinischen Ethik
Zum Problem «Sprache»
"Im Freiburger Klinikum gibt es für italienische und türkische Sprachprobleme Übersetzer. Ein Problem wurde erkannt, wird es damit auch gelöst? Zu einem guten Teil sicher; aber Sprache hat nicht nur eine Lexikonfunktion. Durch Sprache verständigen sich Menschen, haben ähnliche Erfahrungen, Bilder, Erklärungen, nehmen Anteil an Wirklichkeit, bearbeiten sie, gehen damit um. Und wenn sie sich für etwas entscheiden, nehmen sie Stellung in dieser Wirklichkeit. Eine bestimmte Gefahr taucht auf. Wir sehen das Problem der Sprache vielfach nur als phonetisches Problem. Herr W. konnte ja recht viele deutsche Wörter, nur wußten wir, ob ihm diese deutschen Wörter etwas Ähnliches sagen wie uns? Was wissen wir, was für ihn ständige Schmerzen, nicht mehr ohne Gehhilfe gehen können, Gefahr von Abhängigkeit, Operiertwerden u.ä. bedeuten? Es sind einige medizinische Doktorarbeiten in der Freiburger Universitätsfrauenklinik (vgl. z.B. Gimmi 1994) geschrieben worden über das Problem, ob Behandler sog. Subjektive Vorstellungen (SÄV) von Patientinnen kennen, woher ihre Krankheit kommt. Behandler nehmen so etwas selten zur Kenntnis, die verschiedenen Berufsgruppen natürlich unterschiedlich, aber keine Gruppe liegt in ihren SÄV-Gesprächen über 15%. In einer Studie des Freiburger Geriatriezentrums wurde den Behandlern älterer Patienten ein sog. Ethik-Assessment vorgelegt, in dem sie gefragt wurden, ob sie wahrgenommen haben, daß ihr Patient eine der folgenden Krankheitserklärungen hat. Es war sehr interessant, daß verschiedene Ärzte sich diese Liste als brauchbare Gesprächshilfe kopiert haben."
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Sprache ist nicht nur ein Lexikon, sie befördert Verstehen. Dass es Schwierigkeiten zwischen Herrn W. und seinem Arzt gab, sieht man leicht; aber es gibt auch Schwierigkeiten zwischen Patienten und ihren Behandlern, die das gleiche Sprachlexikon benutzen, z.B. alle, die aus deutschsprachigen Ländern kommen: die Schwester aus Berlin, der Arzt aus dem Hotzenwald, beide arbeiten in Basel. Lassen Sie mich bewusst provozieren und fragen: Legen wir auf das Verstehen ebenso viel Wert wie auf die Wörter? Man kann Sprache und Verstehen nicht auseinanderdividieren. Wir brauchen Gemeinsamkeit im Verstehen der Wirklichkeit, die uns umgibt und die wir teilen.
Zu den Problemen «Kultur» und «Soziale Umwelt»
Jeder, der einen sog. «Kulturbeutel» besitzt, ahnt auch, daß er «Kultur» nicht im Beutel halten kann, auch wenn er sie Tag für Tag benutzt; aber was ist «Kultur» dann? Kultur ist (für die Kulturvergleichende Medizinische Anthropologie) nach einer Umschreibung von D. Sich ein "historisch überliefertes System von Bedeutungen ..., mit dem die Menschen ihr Wissen vom Leben und ihre Einstellungen zum Leben einander mitteilen, tradieren und weiterentwickeln" (Sich 1994, 124). Worauf es also ankommt, ist: Wissen und Einstellungen zum Leben entwickeln, und zwar in Gemeinsamkeit mit anderen entwickeln. Also, man muß über das Leben nachdenken, und es in der Gemeinschaft tun, in der man lebt.
Wenn es dabei aber Probleme und Differenzen gibt, was machen wir damit im Krankenhaus? Die Welten, aus denen die Behandler kommen, und die Welten, aus denen die Patienten kommen, sind, je mobiler wir werden, mit immer höherer Wahrscheinlichkeit sehr unterschiedliche Welten. Insbesondere im Krankenhaus ist das wichtig, weil hier mit Krankheit umgegangen wird und Entscheidungen anstehen, wie man sich zu den Risiken einer Behandlung stellt, wie man Vertrauen zu seinen Behandlern entwickelt usw. Gleich welche Nationalität Behandler und Patienten haben, ihre Welten sind verschieden. Diese Verschiedenheit muss überbrückt werden, damit man nicht aneinander vorbei arbeitet. Im Krankenhaus arbeiten Profis, die mit solchen Verschiedenheiten fertig werden müssen und können. Hier einige Fragen, die diese Brückenarbeit im Krankenhaus herausfordern:
[PD Dr. Franz-Josef Illhardt, Universität Freiburg]
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Stickstoffmonoxid